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ASTANGA YOGA / DHYANA YOGA


 

Das abgebildete Siegel (Originalgrösse 2,65 x 2,7 cm) stammt aus Mohenjo-Daro am Unterlauf des Indus und aus einer Schicht aus dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. Es zeigt auf einem niedrigen, in Indien heute noch gebräuchlichen Podest eine Figur, die in einer im Yoga geübten Haltung ("Asana") sitzt. Ihre Arme sind mit Armreifen geschmückt und der dreigesichtige Kopf trägt eine mit Pipalblättern versehene "Hörnerkrone". Die "Dreifaltigkeit" erscheint später im Hinduismus immer wieder in der Bedeutung der drei Aspekte für Gott als dem Schöpfer, dem Erhalter und auch dem Zerstörer der Welt. Die Schriftzeichen der Indus-Kultur konnten bis heute noch nicht entziffert werden. (Quelle: Ausstellungskatalog "Vergessene Städte am Indus", Verlag Ph. v. Zabern, Mainz, 1987)

 

Ein schriftliches Zeugnis aus vorchristlicher Zeit, in dem erstmalig ein sechsteiliges Yoga-System aufgezählt wird, ist die Maitrayana-Upanishad. Dort heissen die massgeblichen Sanskritausdrücke in Kapitel 6, Strophe 18 (gem. P. Deussen "60 Upanishad's des Veda", Leipzig, 2. Aufl. 1905):

 

"Folgendes ist die Ordnung zur Bewerkstelligung derselben [der Vereinigung und/ oder Einheit]:

                        Pranayama (Atemübungen),

                        Pratyahara (Sammlung),

                        Dhyanam (Meditation),

                        Dharana (Konzentration),

                        Tarka (Kontrollierung des Denkens in Form

                        einer Besinnung, Reflexion) und

                        Samadhi (Versenkung);

 

dieses wird der sechsgliedrige Yoga genannt."

 

 

Zur Entwicklung des achtgliedrigen Yoga (Astanga Yoga) bis ins 20. Jahrhundert und unter dem Einfluss des Westens

 

Der Begriff Yoga ist aus der Sanskritwurzel "yuj" abgeleitet und bedeutet Vereinigung und/oder Einheit. Die deutschen Wörter "anjochen" (anschirren) und "Joch" sind damit ebenfalls durch die indoeuropäische Sprachfamilie verwandt. Ursprünglich wurde eine Rückverbindung ("religio") an das eine Göttliche ("Brahman") angestrebt, wobei aber Einheit von Körper und Geist wie auch von Mensch und Umwelt (Kosmos) "Zwischenstufen" sind, - insgesamt also eine "Ganzheitlichkeit".

 

Dhyana bedeutet Meditation und ist die Methode, die der oder die Praktizierende auf dem "Yogaweg" zur Erreichung des erstrebten Zieles anwendet. In der Bhagawadgita ist insbesondere das VI. Kapitel ganz dem Dhyanayoga gewidmet. Daneben werden dort aber auch noch drei andere Haupt-Yogawege beschrieben. Die älteste, auf uns heute überkommene Ausgabe der Bhagawadgita stammt aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. und ist mit einem Kommentar Shankaras versehen.

 

Der indische Philosoph S. Radhakrishnan schreibt in der Einleitung zu seiner Gita-Übersetzung, dass die Gita etwa im 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden sei, nach den frühen Upanishaden und vor den Sutren der philosophischen Systeme (Samkhya, Yoga, . . . Vedanta). Es ist sicher auch kein Zufall, dass zu dieser Zeit die Schreibschrift aufkam (nicht die Hieroglyphen, wie im alten Ägypten oder in der Indus-Kultur, mit denen man so gewaltige Texte hätte schlecht schreiben können, wie das Mahabharata, von dem die Gita ja wiederum nur ein Teil ist). Das älteste Zeugnis dieser Schrift ist uns auf einem Kästchen mit den Reliquien des 480 v. Chr. verstorbenen Buddha erhalten. Und das ist noch weder in Sanskrit-Sprache, noch in der Devanagari-Schrift, in der wir die Yogasutren heute kennen.

 

Der Indologe M. Eliade schreibt in seinem bekannten Yogabuch, dass die Maitrayana-Upanishad, in der nicht nur über Yoga geschrieben, sondern erstmalig ein sechsteiliger Yoga aufgezählt wird, nicht älter als die Gita sei, und somit grob gesagt zwischen 500 v. Chr. und dem Jahr 0 entstanden sein muss.

 

Der Indologe J. W. Hauer schreibt in seinem Yogabuch dann, dass die Yogasutren des Patanjali erst in der Zeit ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden sein können. Und der Indologe J. H. Woods begründet diese Zeitfindung ausführlich in der Einleitung zu seinem Buch "The Yoga-System of Patanjali" unter der Überschrift: "Date of the Yoga-sutras between A.D. 300 and A.D. 500."  

 

Was in der oben genannten Upanishad aus vorchristlicher Zeit u. a. auffällt ist, dass dort keine Körperübungen ("Asanas") erwähnt werden. Offensichtlich war bei der damaligen alleinigen Zielsetzung des Yoga – der Vereinigung des Atman mit dem Brahman – allen klar, dass die entsprechenden Techniken nur in einem Sitz auszuführen waren, der "stabil und bequem" ist, wie es später Patanjali formuliert hat.

 

In einer anderen, der Mundaka-Upanishad, heisst es:

"[Das Mantra] AUM ist der Bogen, Atman der Pfeil, Brahman das Ziel."

 

Die acht Glieder des klassischen Yoga nach Patanjali (Astanga Yoga):

 
 

 

Wenn dann wiederum erst 500 – 1000 Jahre nach Patanjali in den Hatha Yoga Schriften auch Körperübungen aufgeführt werden, um auf Raja Yoga vorzubereiten, so hatte man inzwischen wohl herausgefunden, dass zu einem gesunden Geist auch ein gesunder Körper gehört. Auch wenn einige der Asanas aus früheren Bussübungen entstanden sind: Die oft geforderte Entsagung und Kasteiung bringt einen nicht zum Ziel, und nicht ohne Grund hatte bereits Buddha den "mittleren Weg" empfohlen.

Ein anderer Teil der Asanas stammt aus dem Kundalini-Yoga und gab der ganzen Gruppe von Körperübungen den Namen: Hatha setzt sich aus den Begriffen "Ha" für Sonne und "Tha" für Mond zusammen und deutet an, dass durch die Übungen im Körper Sonne und Mond, Licht und Dunkel, Hitze und Kälte etc. in Einklang gebracht werden können und sollen. Um das zu bewerkstelligen wird insbesondere durch Pranayama (Kontrollieren der "Lebenskraft", die ja wiederum teilweise in der Atemluft enthalten ist) eine Einwirkung auf die beiden Haupt-Nadis ("subtile Energiekanäle") "Ida" und "Pingala" erreicht. Diese Nadis beginnen an der Unterseite des Gehirns und den oberen Punkten der Atemwege – Ida auf der linken Körperseite, Pingala auf der rechten – und verlaufen dann zu beiden Seiten der Wirbelsäule abwärts. Sie stehen somit mit der linken (rational, analytisch und "atomistisch" denkenden) und der rechten (intuitiv und ganzheitlich denkenden) Gehirnhälfte in Verbindung und sind gleichzeitig Ausgangspunkte für das Gesamtnetz der Nadis, das den Körper durchzieht, und auf das wiederum durch die Akupressur Einfluss genommen werden kann. In der modernen Medizin entsprechen die beiden Haupt-Nadis wohl dem Sympathikus und Parasympathikus unseres vegetativen Nervensystems.

 

Zu den mittelalterlichen Original-Schriften – in denen das ursprünglich beschrieben wurde und die auch bei uns zugänglich sind – gehören seit dem "Gorakshashatakam" (12. Jhdt. n. Chr.): "Gherandha Samhita", "Hathayoga Pradipika", "Shiva Samhita" und "Srimad Bhagavatam".

 

Allerdings erst dem 20. Jahrhundert blieb es vorbehalten, diese Asanas "sportmedizinisch" zu systematisieren, in Gruppen einzuteilen und ihre Wirkungen genauer zu erforschen bzw. gezielter einzusetzen. Dabei trat die ursprüngliche Zielsetzung des Yoga teilweise zurück. Insbesondere auch unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus nach dem 2. Weltkrieg haben viele erkannt, dass eine Gotteserfahrung mit keiner Technik erzwungen werden kann, so dass man als Zielsetzungen heute einerseits eher die körperliche Bewegung betrachtet, die nicht so anstrengend ist wie Gymnastik, beim Bewegungsmangel mancher moderner Berufe aber dringend notwendig. Und andererseits geht es um die Harmonie mit dem Kosmos und die Öffnung für den transpersonalen Bereich. Das betrifft den ganzen Menschen mit Körper und Geist (Psyche und Intellekt). Und in dieser langfristigen Entwicklung kann man die Evolution am Werk sehen: Statt der früher (und auch heute noch mancherorts) propagierten "Weltflucht" erkennen immer mehr Menschen, dass wir zur Mitarbeit an der Entwicklung zum Besseren in dieser Welt aufgerufen sind. Der indische Philosoph Sri Aurobindo (1872 – 1950) war ein Pionier dieses Denkens.

 

 

Meilensteine auf dem Weg des Astanga Yoga:

 

Das Kaivalyadhama Yoga-Institut in Lonavla (Maharashtra) wurde 1924 gegründet und beschäftigt sich seither – mit Unterstützung der indischen Regierung – mit den Möglickeiten des Yoga als alternative Therapieform.

Bücher: Swami Kuvalayananda

           "Asanas" (1931)

           Popular Prakashan, Bombay, 1971

           "Pranayama" (1931)

           Popular Prakashan, Bombay, 1966

           Swami Kuvalayananda and S. L. Vinekar

           "Yogic therapy. Its principles and methods"

           Central Health Education Bureau, New Delhi, 1963

 

Swami Sivananda Saraswati (1887 – 1963) gründete als im Westen ausgebildeter Arzt 1932 in Rishikesh (Uttar Pradesh) seine Yoga-Akademie.

Er teilte die Asanas in acht Gruppen ein und liess in einer Übungsstunde aus jeder Gruppe mindestens ein Asana ausführen. Seine Übungsreihe begann aus dem Liegen (auf einer Matte).

   "Hatha-Yoga" (1964)

           Heinr. Schwab Verlag, Gelnhausen, 2. Aufl.

           "Übungen zu Konzentration und Meditation" (1952)

           O. W. Barth Verlag,

 

Swami Vishnu-Devananda (1927 – 1993), ein Schüler des Swami Sivananda, gründete mehrere Yogazentren auf der Welt, so beispielsweise in München. In diesen Zentren wird auch hinduistische Religiosität vermittelt.

           "Das grosse illustrierte Yoga-Buch" (1975)

           Aurum Verlag, Freiburg, 4. erw. Aufl. 1989

           "Meditation und Mantras" (1986)

           Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, München, 2. Aufl. 1994

 

Sivananda Yoga Zentrum (mit einem Vorwort von Swami Vishnu-Devananda):

           "Yoga für alle Lebensstufen – in Bildern" (1985)

           Gräfe und Unzer Verlag, München, 12. Aufl. 1999

 

Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich gründeten nach dem 2. Weltkrieg eine Yogaschule in Zürich (Schweiz) mit einer Aussenstelle im Tessin.

Sie brachten die Neuerung auf, dass man aus der grossen Anzahl möglicher Asanas die Übungen seiner persönlichen Reihe wöchentlich wechseln sollte.

           "Sport und Yoga" (1949)

           Drei Eichen Verlag, Ergolding, 32. Aufl. 1994

 

B. K. S. Iyengar gründete eine Yogaschule in Bombay, die durch die Unterstützung des Geigers Jehudi Menhuin weltbekannt wurde.

Er führte die Angabe von Schwierigkeitsgraden bei den Asanas ein (über 200!), gab seinen Übungsreihen eine andere Struktur und begann aus dem Stand.

           "Licht auf Yoga" (1969)

           O. W. Barth Verlag

 

Der Inder Rocque Lobo schloss sein Studium in München mit der Promotion über "Samkhya-Yoga und spätantiker Geist" (1970) ab und begründete hier die erste Yoga-Abteilung einer Volkshochschule. Später machte er sich selbständig. In seinem Buch geht er besonders auf die körperlichen und geistigen Funktionen und deren Beobachtung während der Körperübungen ein. Der Titel impliziert, was schon Swami Sivananda erwähnte, dass Astanga Yoga nicht für Kinder ist.

           "Yoga – Sensibilitätstraining für Erwachsene. Grundwissen und

           Übungen"

           (1978)

           Hueber-Holzmann Verlag, München

 

 

Die Gruppen der Yoga-Körperübungen (Asanas):

(zu den nachfolgenden historischen Zeichnungen)

 

Die Abbildungen stammen aus dem Besitz des Indologen Richard von Garbe (1857 – 1927). Sie wurden – mit der ganzen zusammengehörenden Serie – erstmals 1908 in Berlin veröffentlicht, in dem Buch "Fakire und Fakirtum" von Richard Schmidt.

Die Zeichnungen sind Illustrationen zu dem mittelalterlichen Klassiker "Gheranda Samhita", der (allerdings ohne Illustrationen) 1914/15 von R. B. S. Chandra Vasu ins Englische übersetzt und in Allahabad veröffentlicht worden ist.

-  (1) Umkehrhaltungen (z.B. Viparitakarani, Abb. 9 mit Sloka 33-35)
-  (2) Vorwärts Beugen (z.B. Paschimottanasana, Abb. 15 mit Sloka 24)
-  (3) Rückwärts Beugen (z.B. Bhujangasana, Abb. 31 mit Sloka 42-43)
-  (4) Seitwärts Beugen (keine Abb. vorhanden)
-  (5) Drehhaltungen (z.B. Matsyendrasana, Abb. 14 mit Sloka 22-23)
-  (6) Gleichgewichtshaltungen (z.B. Vrikshasana, Abb. 25 mit Sloka 36)
-  (7) Entspannungshaltungen (z.B. Mritasana = Shavasana, Abb. 11 m. S. 19)
-  (8) Sonstige (z.B. Swastikasana = Sukhasana, Abb. 6 mit Sloka 13).
 

Auch der "Berufsverband Deutscher Yogalehrender" hat diese Einteilung übernommen; er stellte der Reihe allerdings noch eine neunte Gruppe voraus ("Grundformen wie Stand und Sitz"). Da die stehende Ausgangsposition aber noch kein Asana ist und die Sitzpositionen auch unter Sonstige eingereiht werden können, können wir dem Swami Sivananda die Ehre lassen und seine Acht-Zahl beibehalten. Mit Systematisierungs-Fanatikern, die  alle obigen Gruppen wiederum in stehende-, knieende/ sitzende- und liegende Übungen aufteilen wollen, lohnt sich sowieso keine Diskussion.

 

 






 

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Fortsetzung der Asanas

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